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Aktualisiert am

   22.02.16

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Vor 100 Jahren: Saurierfunde in der Schieferkuhle

Gronau - Als im Juli 1910 Professor Theodor Wegner vom Geologischen Institut der Westfälischen Wilhelms-Universität zu Münster nach Gronau eilte, war der spektakuläre Fund in der Tongrube der Gerdemann´schen Ziegelei (heute Schieferkuhle, vergleiche Gronauer Nachrichten vom 20. Juli 2010) schon fast verloren. Tage zuvor waren in zirka 30 Meter Tiefe bei kleineren Bodensprengungen die Teile eines größeren Fossils zutage getreten, welche nun stark zerrissen

geborgen und nach Münster gebracht wurden. Mithilfe eines durch die Ziegelei und Gronauer Industrielle finanzierten Präparators gelang es in jahrelanger Kleinarbeit, aus über 2000 Einzel- und Bruchstücken das bis heute besterhaltene Knochengerüst eines Sauriertyps zu rekonstruieren. Professor Wegner stellte das Ergebnis, ein auf acht eiserne Stützen montiertes 3,26 Meter langes Skelett, 1914 der Öffentlichkeit vor. Eingehende Forschungen und Vergleiche mit bis dahin bekannten weltweiten Funden führten ihn zu der Erkenntnis, dass es sich bei dem Gronauer Saurier nicht nur um eine neue Gattung, sondern darüber hinaus um eine neue Art handelte. Mit dem Recht des entdeckenden Forschers benannte Wegner diese neue Saurierart nach seinem Lehrer, dem Berliner Geologen sowie Direktor des dortigen Museums für Naturkunde Professor Wilhelm von Branca (1844 - 1928), Brancasaurus brancai. Als zwei Jahre später wiederum Skelettteile eines Schlangenhalssauriers in der Grube der Ziegelei Gerdemann & Co. gefunden wurden, ordnete man dieses Exemplar wie selbstverständlich dem Typus des 1910 gefundenen zu. Zusammen mit anderen passenden Knochenfunden und Fossilien, die Gronau schon am Ende des 19. Jahrhunderts zu einem bedeutenden geologisch-paläontologischen Fundort machten, ergab sich ein für heutige Betrachter ungewohntes und interessantes Bild unserer Region. Die Gronauer Schlangenhalssaurier bewohnten vor zirka 130 Millionen Jahren die Küstenregion eines Binnenmeeres, deren Linie wenige Kilometer südlich von Gronau verlief. Dieses kaum salzige Gewässer mit vielen Inseln und Lagunen bot Muscheln, schalenknackenden Fischen, Seeschildkröten, Haien und Krokodilen einen idealen und nahrungsreichen Lebensraum. Ob die hier gefundenen Schlangenhalssaurier, kräftige Schwimmer und mit ihrem langen Hals blitzschnell zustoßende Fischjäger, sich dauerhaft in diesem Gebiet aufhielten oder dieses nur zur Aufzucht des Nachwuchses nutzten, ist nicht belegt. Zu beachten ist, dass die hiesige Kontinentalmasse aufgrund ihrer Verschiebung sich damals gemäß der heutigen Position zwischen Süditalien und der afrikanischen Mittelmeerküste befand, somit ein dementsprechendes Klima aufwies. Die bereits des Öfteren von Gronauern Schülern gestellte Frage, warum und wie Haifischzähne und Krokodilschuppen in die Gronauer Erde gelangten, ist damit beantwortet. Zu sehen sind diese Funde zum Teil im Gronauer Drilandmuseum, wo die Erdgeschichte des hiesigen Raums für jugendliche und erwachsene Besucher veranschaulicht und erläutert wird. "Star" der dortigen Ausstellung ist eine Nachbildung des 1910 gefundenen Schlangenhalssauriers, dessen Lebensfigur auf Basis des in Münster bis 1954 neu montierten und dort im Geologischen Museum ausgestellten Skeletts rekonstruiert wurde. Auch die 1912 in Gronau geborgenen Teile eines Schlangenhalssauriers verbrachten von 1991 bis 1994 als Leihgabe ein Gastspiel im Drilandmuseum, wo sie unter anderem von dem Gronauer Geologen Dr. Schleicher eingehend untersucht wurden. Seine zusammen mit anderen Kollegen vertretene Schlussfolgerung, dass es sich bei diesem Exemplar nicht nur um ein weitaus größeres, sondern darüber hinaus um eine eigene Gattung handeln könne, bildete den Anstoß für weitere Untersuchungen, an denen verschiedene wissenschaftliche Einrichtungen in Deutschland bis zum heutigen Tag beteiligt sind. Möglicherweise wird die spannende Frage, ob sich der Saurierfund aus dem Jahr 1912 als eigene Gattung und Art erweist, die Stadt Gronau erneut in den Fokus geologischer und paläontologischer Aufmerksamkeit rücken. Wenn deren abschließende Beantwortung nun bald, voraussichtlich 100 Jahre nach der Entdeckung und Bergung aus der Gronauer Schieferkuhle, erfolgt, würde der dann neue Sauriertyp unter einem eigenen Namen der Fachwelt vorgestellt werden. Dieser Name könnte, wie des Öfteren üblich, Bezug auf den Fundort nehmen, womit dann Gronau in der internationalen Wissenschaft als wichtiger Saurier-Fundort einen festen Stellenwert erreicht hätte.